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Der Raubritter Henning von Ankershagen

An derselben Stelle, wo jetzt der gutsherrschaftliche Hof von Ankershagen liegt, da erhoben sich in alten Zeiten die Zinnen und Mauern einer stark befestigten Ritterburg. Wo jetzt das geschäftliche Treiben einer friedlichen Arbeiterschar herrscht, wo der schlichte Hoftagelöhner frei und zufrieden bei den landwirtschaftlichen Arbeiten seinen frohen, frommen Sang ertönen lässt, da tobte sonst wildes Waffengeklirr und Schwerterklang, da stiegen die Klageseufzer armer Gefangener zu Gottes Himmel empor, und schreckliche Flüche und rohe Siegeslieder der gottlosen Burgbewohner erschütterten die Lüfte.
Ritter Henning von Ankershagen, auch wohl schlechtweg Henning Brad’nkierl – Bratenkerl – genannt, hauste hier in jenen unheilvollen Zeiten, als in Deutschland noch das leidige Faustrecht galt, und beunruhigte weit und breit umher die Gegend. Er war nämlich ein gar arger und mächtiger Raubritter und Wegelagerer, und alles hasste und fürchtete ihn und seinen Zorn. Sengend und raubend durchzog er mit seinen wilden, verwegenen Mannen, die ebenso verworfen, schlecht und gottlos waren, als er selbst, das Land, und wehe dem, der sich zur Wehr setzte, er wurde sofort auf das Grausamste zu Tode gemartert, oder daheim ins dunkle Burgverlies geworfen, um dort langsam und elendiglich dahin zu sterben.

Oft schon waren große Kriegsscharen herangezogen mit Mauerbrechern und Sturmleitern, um das Raubnest Ankershagen samt seinen schändlichen Bewohnern zu vernichten, aber immer mussten sie wieder unverrichteter Sache und mit großen Verlusten abziehen; denn die Burg war außerordentlich fest, stark und sicher gebaut und mit hohen Wällen und breiten Gräben rings umgeben, so dass es fast unmöglich war, sie zu bezwingen, geschweige denn, sie einzunehmen. Dabei war Henning mit seinen zahlreichen, bis an die Zähne bewaffneten Leuten immer gar wachsam und auf der Hut und allenthalben, wo die geringste Gefahr drohte, stets bei der Hand, so dass auch kein Überrumpeln der Feste zu denken war. Lebendig hätte auch weder er, noch einer seiner Kriegsknechte sich fangen lassen oder ergeben, denn wohl wussten sie alle, welche Strafe dann ihrer wartete. Von der Burg führten auch unterirdische Gänge in alle Richtungen hin; man sagt, der eine derselben sei an anderthalb Meilen lang, noch jetzt gehe er unter dem Specker See hindurch und münde dann auf einer verborgenen Stelle in dem Holze zwischen diesem See und der Müritz. Auch nach dem eine Stunde von dort entfernten Bauerndorfe Kratzeburg soll noch ein solcher unterirdischer Gang führen.

Durch diese verschiedenen Gänge, die nur dem Henning und seinen sauberen Gesellen bekannt waren, erschienen sie oft plötzlich einzeln, beraubten und ermordeten den einsam Wandernden und verschwanden dann ebenso schnell wieder, als sie gekommen. Noch bis vor wenigen Jahren lag zur Seite des jetzigen Herrenhauses zu Ankershagen ein großer Stein, der den Haupteingang zu diesen unterirdischen Gängen bedeckte. Man entfernte denselben und versuchte das Innere zu erforschen, aber bald musste man wieder umkehren, weil die Luft dort zu dumpf und unerträglich war, und auch die Lichter und Fackeln immer gleich verlöschten; danach ist die Öffnung später ganz vermauert worden. Ungefähr eine viertel Stunde von seiner Burg aber hatte Henning noch auf einem Hügel ein befestigtes Vorwerk mit einem hohen Wartturme, von wo aus er die ganze Umgegend übersehen konnte. Auch hierher führte ein unterirdischer Gang, und Tag und Nacht lagen Wächter da droben und schauten ringsumher nach Beute aus. Hatten sie etwas erblickt, so meldeten sie es gleich ihrem Herrn, der dann alsbald auszog, die Erspähten meuchlings überfiel, sie ausraubte und gewöhnlich auch gleich mordete.

Eines Tages meldeten dem Henning seine Spione, die überall im Lande verkleidet umher schlichen, dass ein Prinz nebst Gefolge, mit herrlichen Schätzen und Reichtümern beladen, im Anzuge sei, im Laufe des nächsten Tages die dortige Gegend passieren und nicht weit von der Burg vorüber kommen werde. Natürlich wurde sofort beschlossen, auch diesen zu überfallen und zu berauben. Um aber auch zugleich jeden Verdacht und jegliche Anklage, kurz alle noch sonst etwa daraus entspringen könnenden bösen Folgen von sich ferne zu halten, beschloss man noch, den Prinzen und sein ganzes Gefolge bis auf den letzten Mann ohne Gnade nieder zu machen und dann sogleich zu verscharren, damit nachher niemand erfahren könne, wo der selbe geblieben sei. Alle nötigen Vorkehrungen hierzu wurden zwar schnell, aber mit größter Umsicht getroffen, und bald war denn auch alles schon bereit, um am nächsten Morgen früh aufbrechen zu können. Henning wollte dann mit einer starken Schar seiner besten und verwegensten Reiter die Burg verlassen, sich im nahen Walde in Hinterhalt legen, hier die Ankunft des Prinzen erwarten und ihn dann plötzlich rücklings überfallen.

Als nun eben am Abende Henning noch einmal seine Anführer um sich versammelt hatte, um mit ihnen nochmals recht gründlich wegen des morgen beabsichtigten Überfalls zu beraten, da traf es sich gerade, dass zufällig ein Schweinehirt aus den nahen Mastholzungen auf die Burg gekommen war, um seinen Herrn und Gebieter eine wichtige Anzeige im Betreff seiner Herden zu machen. Ein junger, noch unerfahrener Knappe hatte den Hirten nach der Rüstkammer gewiesen, wo er den Ritter finden werde. Schon stand dieser vor der bezeichneten Türe, schon hatte er den Drücker derselben in der Hand, um eben einzutreten, als er plötzlich unschlüssig stille stand. Er hörte, wie da drinnen in dem Gemache so laut und eifrig gesprochen wurde, er konnte die Reden Henning’s und seiner ersten Krieger deutlich vernehmen, und so blieb er denn neugierig horchend auf der Schwelle stehen.

Bald aber verwandelte sich seine Neugierde in Schrecken und Grauen, als er die teuflischen Anschläge gegen das Leben des Prinzen und seines Gefolges vernahm, und mit innigem Mitleid dachte er an das allen diesen bevorstehende, schreckliche Ende. Um nun hauptsächlich Henning’s schändliche Absichten zu vereiteln und das bedrohte Leben so vieler Menschen zu retten, um sich aber auch gleichzeitig noch einen guten Beutelohn zu verdienen, - denn er war sehr arm und hatte eine Frau und viele kleine Kinder zu ernähren, - beschloss er, sogleich, ohne sich weiter bei seinem Herrn zu melden, wieder fort zu schleichen, dem Prinzen entgegen zu eilen und ihn zu warnen.

Gesagt, getan; nach einer halben Stunde schon war der Hirte auf dem Wege zum Prinzen. Rüstig schritt er fürbass auf den ihm wohlbekannten Wegen, durch die stockfinstere Nacht dahin. Mehrere Meilen schon hatte er zurückgelegt, schon begann der neue Tag zu dämmern, als er glücklich mit dem glänzenden Zuge des Prinzen zusammentraf.
Sofort ließ sich der Hirte zu dem hohen Herren führen; ehrerbietig zog er seinen Hut und entdeckte nun demselben das ganze grässliche Vorhaben seines bösen Herren, des Ritters Henning. Mit sichtliche Freude und Rührung hörte ihm der Prinz zu. Als der Hirte aber geendet, da schüttelte der Fürst seine Hand, dankte ihm mit viel Freundlichkeit und entließ ihn endlich, reich beschenkt mit Geld und schönen Sachen. Während der Hirte froh und glücklich wieder wacker heimwärts schritt, seiner Waldung zu, lenkte auch der Prinz sein Pferd und schlug mit seinem ganzen Trosse eine entgegen gesetzte Richtung ein.

Früh schon am selbigen Morgen hatte auch Ritter Henning mit seiner auserwählten Reiterschar seine Feste verlassen und sich im Walde auf die Lauer gelegt. Es war Mittag geworden, der erwartete prinzliche Zug aber kam nicht; es wurde Abend, Mitternacht und wieder Morgen, und noch immer nicht war der Erwartete erschienen. Henning schäumte und stampfte vor Wut. „Hier muss Verrat im Spiele sein!“ schrie er endlich. „Aber wehe dem verdammten Verräter“, fluchte er weiter, „er soll mir dafür aber auch büßen!! Lebendig will ich ihn spießen und braten lassen, und die Hölle selbst soll keine schrecklicheren Qualen erfinden können, als ich sie ersinnen und anwenden will!“ Dann ritt er in höchstem Zorne wieder zurück nach seiner Burg.

Bald erwies es sich denn auch, dass der Prinz wirklich gewarnt worden war und deshalb eine entgegen gesetzte Richtung eingeschlagen hatte. Leider aber wurde es auch ebenfalls bald entdeckt, wer der Verräter gewesen sei. Sofort ließ Henning den Unglücklichen greifen und auf seinen Burghof führen. Und der Grausame hielt Wort: trotz allen Flehens und Erbarmen und Gnade wurde der Hirte lebendig gespießt und langsam am Feuer zu Tode gebraten, wobei man zur erhöhten Qual noch seinen Leib fortwährend mit Öl begoss. Als der Bedauernswürdige mit seinem herzerschütternden Angstgeschrei und Schmerzensgewimmer die Luft erfüllte, da ließ der Unmensch von Henning des Gemarterten Weib und Kinder kommen, um Zeuge dieses haarsträubendsten Schauspiels, dieses schrecklichsten aller Schrecken zu sein. Wanden sich diese auch wohl händeringend und flehend zu den Füßen des Barbaren, ja bat selbst auch der schon halbverkohlte Hirte noch vom Feuer her mit erstickter Stimme um baldigen Tod und Erlösung von seinen Höllenqualen, so rührte doch das Ungeheuer Henning dies alles nicht. – Ja selbst einen Stein hätte es erbarmen können, Henning aber nicht! – Teuflisch lachend stand er dabei und weidete sein entmenschtes Herz an dieser Schauerszene: ja oft stieß das gefühllose Scheusal sogar noch mit seinem Fuß nach dem am Feuer Bratenden, oder er stieß und trat damit, unter fürchterlichen Flüchen und Gotteslästerungen, nach dem in wilder Verzweiflung und fast wahnsinnig vor Gram und Schmerz am Boden liegenden Weibe und ihrer halbnackten, weinenden Kindern.

Doch wenden wir uns ab mit Schaudern von diesem entsetzlichen Bilde! Nach dieser furchtbaren Gräueltat nannte man allgemein den Ritter Henning von Ankershagen gewöhnlich nur noch „Henning Brad’nkierl“ – Bratenkerl -, und alles zitterte schon bei der bloßen Nennung dieses Namens, der auch heute noch in dortiger Gegend sehr wohl bekannt ist.
In Laster und Sünden, von Gott und den Menschen verflucht, hauchte endlich Henning seine abscheuliche, schwarze Seele aus. Bald danach fiel auch seine Burg. Die Kerker wurden geöffnet und die armen Gefangenen in Freiheit gesetzt; die hohen Türme aber wurden gesprengt, die Mauern niedergerissen und geschleift, die Wälle zerstört, die Gräben verschüttet.
Zur Erinnerung an Henning’s Schandtaten ließ man die Szene malen, als der Hirte am Feuer gebraten wird, und sein Weib und seine Kinder, vergeblich für ihn flehend, zu Henning’s Füßen liegen, und hing dieses Bild in der Kirche zu Ankershagen auf, wo es auch noch heutigen Tags zu sehen ist.

Trotzdem man auch Henning’s Körper in eine tiefe Grube geworfen und diese mit großen Steinen bis oben voll gefüllt hatte, so wuchs doch sein rechtes Bein, womit er ja in unmenschlicher Weise noch nach dem zu Tode gemarterten Hirten und nach dessen Weibe und Kindern gestoßen, immer wieder aus der Erde hervor. So oft man dasselbe auch wieder vergrub, kam es doch immer und immer wieder zum Vorschein. Da nahm, vor etwa hundert Jahren, endlich der damalige Totengräber von Ankershagen diesen unverweslichen und ruhelosen Fuß, den er schon so oft zuvor auf dortigem Kirchhofe mitleidsvoll eingeschart hatte, trug ihn in die Kirche und vergrub ihn dort mit frommen Gebeten unter dem Altare. Seit dieser Zeit ist der Fuß nicht wieder zum Vorschein gekommen, und wird er somit denn endlich wohl verwest sein und Ruhe gefunden haben.

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