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29.08.2017

"Mister Museum" geht mit zwei lachenden Augen und in Sorge

Dr. Reinhard Witte räumt seinen Schreibtisch im Heinrich-Schliemann-Museum Ankershagen. Für den 65-Jährigen beginnt ein neuer Lebensabschnitt – aber nicht, ohne scharfe Kritik am Landkreis zu üben. Im Gespräch mit Nordkurier-Redakteurin Monika Jacobs gibt Witte Einblicke in sein Seelenleben.

Die Tage sind gezählt. Nach 14 Jahren verlassen Sie das Schliemann-Museum und begeben sich in den Ruhestand. Ist das ein gutes Gefühl für Sie?
Noch vor knapp einem Jahr sah ich meinen Abschied mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Nach dem Beschluss des Kreistages vom Dezember 2016, meine Stelle nicht bundesweit auszuschreiben und keine Forschungen im Museum nach meinem Abgang mehr vorzusehen, verlasse ich das Museum in Sorge, aber mit zwei lachenden Augen. Die Missachtung der jahrzehntelangen Forschungsarbeit von Dr. Wilfried Bölke und mir, die das Museum zu einem Zentrum der internationalen Schliemannforschung und zu einem renommierten Blaubuch-Museum machten, verbitterten mir die letzten Monate in meiner Tätigkeit als Museumsleiter. 

Was gehörte zu den Höhepunkten in Ihrem Wirken als Museumsleiter?
Wo soll ich anfangen, wo soll ich aufhören? Für mich waren vor allem die vier internationalen Konferenzen mit hochkarätigen Referentinnen und Referenten, die ich in den 14 Jahren organisieren durfte, große Höhepunkte. Dabei half in bewährter Weise die Heinrich-Schliemann-Gesellschaft. Eine Konferenz fand sogar in enger Zusammenarbeit mit einer französischen und einer polnischen Universität statt. Daraus entstanden Tagungsbände, die den neuesten Stand nicht nur in der Schliemannforschung, sondern auch in der Forschung der ägäisch-anatolischen Kulturen (Kreta, Mykene, Troia) wiedergeben. Daneben konnte ich zahlreiche Veröffentlichungen vorlegen, darunter eine umfassende Schliemann-Biographie, die das Museum bei Wissenschaftlern und in der Öffentlichkeit noch bekannter machten. Höhepunkte waren weiterhin unsere Vortragsreihen, die Museumstage und die griechischen Feste. Erwähnenswert sind natürlich auch die zahlreichen Kinder- und Jugendveranstaltungen unserer Museologin Undine Haase, mit der ich auch 42 Sonderausstellungen gestalten konnte. Gern erinnere ich mich auch an „verrückte“ Sachen: einem Glockenspielkonzert im Museumsgelände, eine Lesung mit dem DEFA-Chefindianer Gojko Mitic und vor allem an die Veranstaltung „Eine neue Schliemann-Oper entsteht“ in Zusammenarbeit mit der Rheinsberger Kammeroper. Hätte ich fast vergessen: Die Umgestaltung des ehemaligen Kinderzimmers für die kleinen Besucher. Im Gästebuch findet sich der Eintrag: „So eine tolle museumspädagogische Arbeit für Kinder findet man in ganz Europa selten!“

Was konnte nicht geschafft werden?
Die Anbindung durch den öffentlichen Nahverkehr, oder besser die kaum vorhandene Anbindung, ist ein großes Problem für das Schliemann-Museum in Ankershagen. Es gab vor über zehn Jahren für wenige Monate einen „Museumsbus“, der aber zu unfreundlichen Zeiten für Touristen fuhr. Mit dem Wegfall des Bahnhofes Klockow entfiel eine Möglichkeit, uns einigermaßen günstig zu erreichen. All das hat negative Auswirkungen auf die Besucherzahlen. Der Aufnahmeantrag einer Schliemannbüste in die Walhalla erfolgte 2007. Meines Wissens ist in diesen zehn Jahren keine neue Büste dort aufgenommen worden. Wir hoffen auf einen positiven Bescheid zumindest zum 200. Geburtstag des Trojaforschers am 6. Januar 2022. Geschafft wurde auch nicht der Aufbau der ehemaligen Pfarrscheune, in der wir unter anderem unsere Bibliothek, unser Archiv und einen Kinosaal hineinbringen wollten. Trotz großer Anstrengungen lag all das nicht in der Kompetenz des Museumsleiters.
  
Wissen Sie noch, mit welchen Zielen Sie einst die Stelle von Wilfried Bölke übernommen haben?
Das weiß ich noch ganz genau. Die Ziele sind sogar für jeden noch auf unserer Internetseite nachzulesen. Es ging vor allem 2003 darum, das große internationale Renommee des Schliemann-Museums zu halten und weiter auszubauen. Das ist voll gelungen. Für mich als Mykenologen war es besonders wichtig, die archäologische Seite Schliemanns stärker zu betonen, ihn in Zeit und Raum zu stellen, ihn im Vergleich zu anderen Ausgrabungsorten und Archäologen zu zeigen. Das habe ich für die Öffentlichkeit in meinen 168 Sonntagsvorträgen getan. Was mir nicht gelang, war die Besucherzahlen zu erhöhen, obwohl es in den ersten Jahren ganz gut aussah. Ab 2008 erfolgte dann ein merkbarer Rückgang. Dafür gibt es verschiedene, teilweise kaum erklärbare Gründe: zu geringer Werbeetat, Entstehung des Müritzeums, kaum öffentliche Anbindung, kaum Rückhalt durch den Landkreis. Seit 2011 steht die Grobkonzeption für eine neue Dauerausstellung, die zu einem Besucherzuwachs erfahrungsgemäß geführt hätte. Leider konnte sie bis heute nicht umgesetzt werden. Der damalige Amtsleiter und heutige Bürgermeister von Malchin, Axel Müller, war gleichzeitig amtierender Museumsleiter in Alt Schwerin. So galt seine ganze Aufmerksamkeit dem Entstehen des Agroneums. Das war eine unglückliche Konstellation: Leiter eines Amtes zu sein, zu dem auch das Schliemann-Museum gehörte und gleichzeitig verantwortlich tätig für ein anderes Museum. Mehr will ich dazu nicht sagen. Jeder kann sich die Auswirkungen selbst vorstellen.
  
Welchen Stellenwert hat die Einrichtung heute und wie sehen Sie deren Zukunft?
Es klingt immer ein wenig angeberisch und ist doch nur eine sachliche Beschreibung der Tatsache. Das Museum ist Zentrum der internationalen Schliemannforschung und ein Blaubuchmuseum, in dem ca. 40 Einrichtungen von rund 1400 Museen Ostdeutschlands stehen. Es hat ein Alleinstellungsmerkmal. Dieses haben nur wenige Museen. In unserem Landkreis erwähne ich hier das Fallada-Museum in Carwitz und das Fritz-Reuter-Museum in Stavenhagen. Ich sagte es schon: Dieser Umstand wird von Kommunalpolitikern kaum gewürdigt. Viele haben nur die Euro-Zeichen in ihren Augen, das heißt Besucher, Besucher, Besucher. Doch die Qualität eines Museums definiert sich nicht über seine Besucherzahlen. Natürlich ist es nicht so anstrengend, Fische anzuschauen oder Traktorenlärm zu lauschen, als sich mit vergangener Zeit und mit dem berühmtesten Mecklenburger zu beschäftigen. Die vor zwei Jahren erfolgte Einbeziehung des Museums in eine „GmbH Wirtschaftsförderung Mecklenburgische Seenplatte“ und in die später erfolgte Untereinheit „MuSeEn GmbH“ halte ich für einen Irrweg. Wir müssen aber zur Zeit damit leben, um gemeinsam - Träger und Einrichtung - die nun mögliche neue Dauerausstellung bis 2019 zu realisieren.

Was geben Sie Ihrer Nachfolgerin Undine Haase, mit der Sie 14 Jahre eng zusammengearbeitet haben, mit auf den Weg?
Ich wünsche ihr von Herzen alles Gute und versichere ihr meine Unterstützung, wenn sie sie haben möchte. Ich hoffe sehr, dass ich an der Umsetzung meiner mit ihr und der Schliemann-Gesellschaft erarbeiteten Konzeption, die uns 211 000 Euro Fördermittel vom Bund einbringt, beteiligt werde. Vor allem wünsche ich ihr Standfestigkeit gegenüber dem Träger des Museums. Mir brachte sie unverständlicherweise drei Abmahnungen ein. Aber das hat sich für mich gelohnt, sonst gebe es das Schliemann-Museum in der heutigen Form schon lange nicht mehr. Weiterhin hoffe ich, dass sie zukünftig doch noch einen Mitarbeiter beziehungsweise eine Mitarbeiterin bekommt, denn meine Stelle wird ja ersatzlos gestrichen.
  
Haben Sie sich in Ihrer Arbeit manchmal was abgeguckt von Heinrich Schliemann?
Diese Frage kann ich kurz beantworten: Enthusiasmus, Arbeitseifer und Standfestigkeit!
  
Mit Ihren Vorträgen im In- und Ausland haben Sie das Personalmuseum bekannter gemacht. Aber auch die Zusammenarbeit mit den anderen kulturellen Gedächtnisorten war ein Gewinn für Ankershagen...
Auch hier nur eine sachliche Feststellung. Ich habe in meiner Museumstätigkeit 530 Vorträge zu knapp 200 verschiedenen Themen in 51 verschiedenen Orten gehalten, anfangs auch noch Seminare an der Humboldt-Universität über den kreto-mykenischen Schriftkreis gegeben. Und das, das darf ich sagen zur Ehre des Museums und seines Trägers. Die Zusammenarbeit mit den anderen Kulturellen Gedächtnisorten war beglückend. Ich bin sehr traurig darüber, dass ich an den zweimal im Jahr stattfindenden Treffen nicht mehr dabei bin und auch darüber, dass wir eventuell durch die gegenwärtigen Entscheidungen von Kreistagsmitgliedern aus diesem illustren Kreis herausfallen.

Haben Sie mit Ihrer Arbeit den Trojaentdecker noch ein Stück renommierter gemacht? Ich denke da auch an die vielen Medienanfragen, die Sie auf den Tisch bekamen?
Ich bin stolz darauf, unzählige Medienanfragen meist sofort beantwortet zu haben. Fragen von italienischen, japanischen, türkischen und deutschen Fernsehanstalten, Fragen von in- und ausländischer Presse und Rundfunkanstalten. Ich habe immer versucht, Schwächen Schliemanns nicht zu verschweigen, aber dessen Stärken stets zu betonen, denn er hat viel für die Altertumswissenschaften getan.

Gab es auch mal eine kuriose Anfrage?
Ja, natürlich. An alle kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiß nur, dass einige Fragen auf einen möglichen Verwandtschaftsgrad zu Schliemann kamen, oder sogar zu Zusammenarbeiten von Vorfahren zu ihm, die völlig unberechtigt waren. Eine erwähne ich doch: Vor Jahren rief ein Mitarbeiter von „Spiegel tv“ bei mir an und fragte, ob Schliemann geraucht hat. Ich wusste es nicht, fragte Dr. Wilfried Bölke und Prof. Georg Korres in Athen. Sie waren sich auch nicht sicher. Und dann: Zwei Tage später entdeckte ich im Archiv kurz hintereinander drei Stellen, aus denen hervorging: Er hat Zigarren geraucht. Nun konnte „Spiegel tv“ in Prag ihre Szene mit einem rauchenden Schliemann-Darsteller drehen.

Ist inzwischen alles über Schliemann gesagt und erforscht, so dass Sie sich diesbezüglich zurücklehnen können?
Das lässt sich angesichts des gewaltigen Nachlasses, den Schliemann uns hinterlassen hat, wie über 60 000 Briefe von und an ihn, 18 Reise- und Ausgrabungstagebücher, Geschäftsbücher nicht sagen. Trotzdem wird es am heutigen Schliemannbild meines Erachtens keine gravierenden Änderungen mehr geben. Es wird weiterhin ein hübsches oder unangenehmes Detail über diese buntschillernde Person zu finden sein. Wichtig ist aber, dass die Erinnerung an ihn stets erhalten bleibt, und das geschieht nur, wenn man sich mit seinem Leben und Werk in kompetenter Weise beschäftigt und sein Wissen darüber in jeglicher Form— Vorträge, Publikationen— vermittelt.

Ziehen Sie mit dem Rentnerdasein einen Schlussstrich unter Ihre Schliemann-Forschungen? Sie sagten mal, dass Sie sich gern auch anderen Themen widmen möchten.
Schliemann wird immer Teil meiner Forschungen bleiben. Aber mein Schwerpunkt wird sich nun wieder auf das minoische Kreta und den kreto-mykenischen Schriftkreis verlagern. Zähle ich doch zu den wenigen Wissenschaftlern in Deutschland, die die Silbenschrift „Linear B“ (2. Jt. v. Chr.) lesen und schreiben können.
  
Wie wird zukünftig Ihr Alltag aussehen? Gibt es Pläne?
Alles möchte ich nicht verraten. Ich werde aber, wie gewohnt, meine Publikationen und Vorträge machen. Regelmäßig am Schreibtisch sitzen. Viel Beethoven hören und Goethe lesen. Mit meiner Frau schöne Erlebnisse haben. Meine „Luxuskatze“ verwöhnen.

Was werden Sie vermissen, wenn Sie nicht mehr regelmäßig Ankershagen ansteuern?

Meine Mitarbeiterinnen, das schöne Museumsgelände und die fast tägliche schöne Autofahrt mit „ndr kultur“. Aber alles dies bleibt mir am Ende doch erhalten. Ich höre den Sender weiter, kann das Museum besuchen ...

29.08.2017 
Quelle: Nordkurier 

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