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12.09.2015

Das Treffen der Versuchskaninchen

Das war neu für die einstigen Kreise Waren und Röbel: Die Einführung der 10-Jahres-Schule. In Penzlin fing alles an, damals vor über 60 Jahren. Leicht war’s nicht – mit Pferd, Bus und Dampfer mussten manche Schüler anreisen. Und so schnell sie kam, war sie auch wieder vorbei.

Penzlin/Roez. „Je älter man wird, desto mehr erinnert man sich an alte Zeiten.“ Maria Voß lächelt in sich hinein. Sie hat Fotos hervorgeholt. Und das nicht von ungefähr. An diesem Wochenende steht ein Treffen ins Haus: Einstige Schulkameraden kommen wieder zusammen. Achtzehn werden es wohl sein. „Jedes Mal fehlt einer. Das ist nun leider so“, sagt die Teterowerin. „Wir werden im nächsten Jahr alle 80.“ Und sind ein besonderer Jahrgang, hätte sie eigentlich noch hinzufügen können.
Der erste nämlich, der die 10-Jahres-Schule in Penzlin absolvierte. Das war vor 62 Jahren. An der Johann-Heinrich-Voß-Schule Penzlin wurden von 1951 bis 53 zum ersten Mal in den Kreisen Waren und Röbel zwei neunte und zehnte Klassen unterrichtet. Davor war schon nach acht Schuljahren Schluss. Und danach war es auch schon wieder vorbei mit der 10-Jahres-Schule, merkt Hannes Kiepke an. „Dann konnte man schon das Abitur machen. Wir waren Versuchskaninchen“, fügt er lachend hinzu. Aber aus allen sei was geworden.
Rund 50 Schüler zählte dieser erste Jahrgang der Zehn-Jahres-Schule. „Wir wurden aus dem ganzen Gebiet zusammengesammelt“, erzählt Maria Voß. Einfach sei das nicht gewesen – schon weil es doch große Bildungsunterschiede gab. Manche kamen aus Zwergschulen, hatten dort keinen Chemie- und Physikunterricht, auch kein Russisch. Und dann musste man ja überhaupt erst einmal hinkommen zur Schule.
Maria Voß, die es mit ihrer Familie nach dem Krieg nach Wredenhagen verschlagen hatte, kann sich noch gut erinnern, als die dortige Schulleiterin fragte, ob sie nicht Lust auf die 10-Jahres-Schule hätte. Zwei Mädels waren sie schließlich aus Wredenhagen. „Zum Glück gab es in Penzlin ein Busunternehmen. Zwischen Waren und Röbel haben wir den Dampfer benutzt und weiter musste man dann zusehen, meist ging es mit dem Pferdewagen. Wie oft habe ich aber auch im Pfarramt in Röbel übernachtet, weil es nicht weiterging...“
Anfangs waren die Schüler in Penzlin noch privat untergebracht. Im zweiten Jahr kamen sie ins Internat. In einer zerstörten Stadt, quasi mitten auf dem Trümmerfeld, war ein Haus dafür hergerichtet worden. Unten waren Geschäftsräume, nach oben wurden dann Zimmer ausgebaut. Da habe sich auch dieses tiefe Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt, das die einstigen Schulkameraden heute noch eint.
„Es war alles schwierig zu der Zeit, wenige Jahre nach dem Krieg. Deshalb waren wir auch so angetan, was man für uns alles in die Wege geleitet hat“, sagt Maria Voß. Einer, der für die Schule und seine Schüler immer da war, war der damalige Direktor Fritz Dabels. „Papa Dabels“, wie seine Schüler sagten. „Er war ja wie ein Vater für uns und viele hatten keinen mehr“, denkt die heute fast 80-Jährigen an den Mann zurück, den sie sehr verehrten. „Er hat es geschafft, dass alle Mädchen – bis auf zwei – Lehrerinnen wurden und die Jungs zum größten Teil Ingenieure.“
Die alten Penzliner wissen, dass Dabels erst ein halbes Jahr vor dem Start der 10-Klassen-Schule nach Mecklenburg kam. Er sei auch Flüchtling gewesen, habe den Wunsch gehabt, auf dem Lande was für Bildung und Kultur zu tun und den Posten des Direktors in Penzlin bekommen. 1953, das war nach dem Abschluss der ersten Zehn-Klassen-Schüler, sei er aber in den Westen gegangen. Die Situation hier im Land habe ihm gar nicht gefallen. Es sei nicht nur das Schulische gewesen – Dabels unterrichtete Deutsch – „er hat uns wirklich in jeder Hinsicht gebildet“, sagen seine einstigen Schüler.
Die Jungen zum Beispiel hatten damals schon Blasinstrumente, die Mädchen waren im Chor, hatten Klampfen. Es gab ein Theateranrecht in Neustrelitz, sie sind aber auch zu den „Meistersingern von Nürnberg“ nach Berlin gefahren. Und dann die Ferienfahrten. „Wir haben viele Ernteeinsätze gemacht, Geld verdient, sind in den Harz und nach Thüringen gefahren. Das alles hat uns zusammengeschweißt“, erinnert sich Maria Voß. „Ach“, ihre Augen blitzen, „wir haben sogar mit Fred Frohberg gesungen, der zufällig auch mit seiner Familie in Thüringen im Urlaub war. ,Kleine Roschi‘ hat er uns beigebracht, ein ungarisches Lied. Es fällt einem doch immer noch wieder etwas ein“, sagt sie lächelnd.
Und das wird an diesem Wochenende nicht anders sein. Wenn sich die alten Klassenkameraden wiedersehen. Gemeinsam mit Hannes Kiepke aus Waren und Heinz-Gerd Pautzke aus Dammwolde organisiert Maria Voß das dreitägige Treffen – diesmal in Roez. Mit viel Zeit zum Erzählen und Eintauchen in Erinnerungen, versteht sich. Es gibt aber auch ein Programm: Dazu gehören ein Orgelkonzert in der Klosterkirche in Malchow, ein Besuch im dortigen DDR-Museum und ein Ausflug in den Bärenwald.

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12.09.2015 
Quelle: Nordkurier 

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