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30.01.2017

Eine standhafte und mutige Christin

Margarete Wegener musste viel Leid und Niedertracht ertragen, aber sie verzagte nicht. Sie glaubte, dass die Liebe zu Gott letztlich alles zum Guten wendet. Vor Kurzem ist die 88-Jährige gestorben. Sie hinterlässt ein Vermächtnis für ein reiches und erfülltes Leben.

Möllenhagen. Die letzten zwei Jahre waren sehr schwer für sie gewesen. Bis zuletzt hatte Margarete Wegener in ihrem fast 200-jährigen Pfarrhaus in Groß Varchow bei Möllenhagen gelebt. Ohne jeden Komfort. Solange es noch ging, hatte sie den alten Kachelofen geheizt, den Pfarrgarten besorgt. Aber ihre Augen waren immer schlechter geworden. Bald konnte sie nicht mehr lesen und Briefe schreiben. Zeit ihres Lebens hatte sie mit vielen korrespondiert. Zum Schluss kam noch eine Krebskrankheit hinzu. Sie hat den Tod herbeigesehnt. Aber den Mut zum Leben nicht verloren. Sohn Hannes und Familie, die Enkel und Urenkel hatten sie öfter noch besucht. Vor zwei Wochen ist sie gestorben – „heimgegangen zu Gott“, wie sie es sagen würde.
88 Jahre ist sie alt geworden in einem erfüllten, besonderen Leben. Mehr als 200 Freunde, Bekannte folgten dem Sarg. Sie hatte sich wieder ein Wort aus dem Römerbrief im Neuen Testament gewählt: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“ „Das passt wohl am besten zu meinem Leben“, hatte sie oft gesagt; „reich und sehr schön“ hat die Mecklenburgerin ihr Dasein genannt.
Furchtbare Ereignisse in Kindheit und Jugend
Für manche, die ihre Lebensgeschichte kennen, klang es wie Provokation. An ihrem Leid wären andere zerbrochen. Der Tod der drei Brüder, die kurz vor Weihnachten im See ertrinken, das Sterben ihrer geliebten Schwester bei einem Unfall, die Vertreibung der Eltern von Haus und Hof, Anfang der 50er Jahre, als „Kulaken“ geschmäht, besonders einschneidend dann ihre Haft im Zuchthaus Bützow, verurteilt zu acht Jahren wegen „Kriegs- und Boykotthetze“, weil sie sich als Katechetin in der Jungen Gemeinde auch für politisch Verfolgte engagierte.
Drei Jahre verbringt sie hinter Zuchthausmauern, in Schmutz und Niedertracht, eine Zeit lang in Einzelhaft, mit Verhören, in denen sie ihre christlichen Mitstreiter denunzieren soll. Sie widersteht. Fünf Jahre werden ihr später erlassen. Traumatisiert beginnt für sie eine schwere Zeit des Neubeginns. Aber sie lernt ihren Mann kennen. Sie lieben sich sehr. An seiner Seite zieht sie in ein marodes Pfarrhaus, im kleinen Dorf Groß Varchow, das am Ende der Welt zu liegen scheint. Ihr Möbelwagen bleibt im Schlamm stecken. Es gibt so manche böse Überraschung. Nicht nur die herunterbrechende Stubendecke, die sie fast erschlägt. Die Leute tuscheln, „das ist eine aus dem Gefängnis …“
Aber es gab immer auch viel Positives, meinte sie, nannte die Arbeit als Katechetin an Ludwig Wegeners Seite, der sich als Heckenpastor einen Namen macht, auf ödes Land Hecken pflanzt und Bäume setzt. Die Allee von Lehsten nach Groß Varchow oder die große Rosenhecke zwischen Carolinenhof und Bredenfelde künden heute noch davon. Gemeinsam mit Ornithologen, Imkern und Archäologen kämpfen die Wegeners für den Erhalt der wunderschönen Natur. Seine Gottesdienste in freier Natur, auch ohne Liturgie und Talar, sind nicht vergessen.
Margarete Wegener hat vieles davon notiert. Es wird veröffentlicht. Auch ihre schlimmen Erfahrungen in der Haft und das Widerstehen in tiefem Glauben an Rettung hat sie sich von der Seele geschrieben. Ohne Hassbekundungen. „Nein, Hass ist kein gutes Gefühl“, hatte sie immer geantwortet. Wichtig ist, wie ihr der Glaube geholfen hat. „Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht, denn Gott ist mit dir in allem, was du tust.“
Sie ist oft von Christen und Konfessionslosen eingeladen worden, darüber zu erzählen. Ihre Aufzeichnungen sind auch in einem Büchlein erschienen, das in den Geschichts- und Religionsunterricht in westdeutschen Schulen gelesen wurde.
Menschen am Rande der Gesellschaft kamen zu ihr
Ihr Pfarrhaus in Groß Varchow war stets eine Begegnungsstätte. Viele Menschen hielten dort Einkehr, „ein Geschenk“ nannte sie es. Vor ein paar Jahren noch bewirtete sie ihre Gäste mit selbst gebackenem Kuchen. Manchmal klopften auch Entwurzelte an, Menschen, die, alkoholkrank, keinerlei Halt mehr hatten, einige wollten Obdach, manche bettelten um Geld.
Nicht immer wurde diese Nächstenliebe belohnt. Auch ehemalige Mitgefangene kamen. Nicht nur einstige politische Häftlinge, denen sie Mut zum Neuanfang zusprach. Auch Frauen, die wegen Mordes verurteilt worden waren. Natürlich wurde „über ihren Umgang“ im Dorf getuschelt. Wie oft fuhr sie auch kilometerweit bei Wind und Wetter, nahm manche Strapazen auf sich, um Menschen, die sie aus der Haft kannte, zu treffen, und ihnen Mut zuzusprechen.
Das vergangene Erntedankfest hat sie noch mit gefeiert. So gut es ging ihrer Kirche geholfen, wo sie es noch konnte. Sommers hatte sie den Touristen gern ihre alte schöne Backstein-Kirche gezeigt. Manchmal war sie auch noch zu den Leuten ins Dorf gegangen, um sich ihre Sorgen anzuhören. Sie wusste immer: Menschen, die anderen Zeit schenken und zuhören können, sind rar geworden. Geld regiert die Welt. „Schade“, sagte sie.
Aber mehr und mehr hatten ihre Kräfte nachgelassen. Zuletzt waren nur die Erinnerungen geblieben. Auch die an die Spaziergänge hinauf zum Kalkberg am Rande des Dorfes. Im Herbst 2004 war sie mit ihrem Mann dort gewesen, um die Kraniche und Gänse zu beobachteten und den Sonnenuntergang. „Es war ein paar Tage, bevor er starb“, erzählte sie, „als er plötzlich zu mir sagte: ,Ich danke Dir, du hast mein Leben so reich gemacht!’“Und sie umarmte. „Aber Vater, das kann ich doch auch von dir sagen!“, hatte sie ihm geantwortet. Sie hätte gern noch einige Jahre mit ihm zusammengelebt. Manchmal abends habe sie doch sehr die Einsamkeit gespürt. Nun sind sie wieder vereint. Ein großer Naturstein trägt ihrer beider Namen, auf dem Grab, gleich hinter der Kirche und ganz in der Nähe des Pfarrhauses, in dem sie gelebt haben.

30.01.2017 
Quelle: Nordkurier 

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