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16.08.2016

Hoch droben im steinigen Paradies

In Passentin lebt die Künstlerin, die den Ort stark mitprägte, als sie das Slawendorf aufbauen half und ihn mit ihrer Kunst und ihrem Skulpturengarten weithin bekannt machte. Von sprechenden Steinen und Bohnenkraut im Tee...

Mallin/Passentin. Der Weg in ihr Paradies sollte unbedingt so bleiben. Auch wenn er holprig und bei Regen fast unpassierbar ist. Dafür hatte sich die Künstlerin gleich beim Bürgermeister stark gemacht. Dorothee Rätsch lebt im Ortsteil Passentin, droben auf der Wilhelmshöhe. Paradiesisch.
Im großen Garten blühen üppig Rosen, Malven, Lilien, Sonnenhut, und Königskerzen, versprühen Stiefmütterchen, Flocks und Tränende Herzen ihre Farben. Die Bäume hängen übervoll mit Äpfeln, Birnen, Renekloden. Aus dem Grün treten schimmernd Liebende, Trauernde, Nachdenkliche, Besinnliche, Aufrechte, Gebeugte, Hingebungsvolle hervor – die Figuren der Künstlerin. Wer in die Stille hören kann, für den erzählt jede ihrer Skulpturen auch eine Geschichte. Manchmal öffnet die Bildhauerin für Besucher ihren Garten. Zu Kunst Offen zum Beispiel. Aber auch sonst, wenn man es mit ihr vereinbart.
Dorothee Rätsch arbeitet gerade an einer Figur aus Speckstein. Das Auge dominiert das Gesicht. Schelmisch, ängstlich, böse, freundlich? „Eigentlich humorvoll“, sagt sie. Der Stein gebe es ihr vor. Angedeutet ist der Mund, eine Hand, den Kopf stützend. Die Arbeit wachse langsam. Sie müsse auf den Stein reagieren. „Er hat eine Sprache. Es wäre eine Sünde ihn sich zurechtzuschneiden.“ Er zeige selbst seine Möglichkeiten, meint die Künstlerin. Dabei müsse sie ständig neue Entscheidungen treffen.
Wie sie das Kunstwerk nennt? Das wisse sie noch nicht. Ihre Titel sind oft poetisch – „Alle Sonnenuntergänge sind Erinnerung“ oder „Der Morgen ist klüger als der Abend“. Sie liebt Poetisches, zitiert aus Gedichten. Muss da gar nicht erst nachsehen. Sie hat sie im Kopf.
Sieben Rosen, sieben Frauen, 18 Enkel
Brechts „Sieben Rosen“ – „Sieben Rosen hat der Strauch/ Sechs gehörn dem Wind …“ Ihre große Skulpturen-Gruppe hat sie danach benannt: Sieben Frauen – sieben Rosen. Sie stehen in einem weinbelaubten Raum: stolz, selbstbewusst, nachdenklich, auch furchtsam und gebeugt scheinend. „Wenn man richtig hinschaut, sieht man, dass alle leise singen“, sagt die Künstlerin. „Sehen Sie, die im Zentrum ist die Offene, die den Ton angibt. Frauen haben nicht nur damals die Trümmer weggeräumt“, meint sie, „sie hatten immer mit Schwierigem zu tun, bringen Opfer, müssen Familien aufrecht erhalten…“
Dorothee Rätsch hat lange an ihrer Figurengruppe gearbeitet. Vielleicht werden diese Frauen als Dauerleihgabe nach Neubrandenburg reisen. Ins „Haus der Kultur und Bildung“. Das wünsche sie sich sehr. Sie hat etliche Ausstellungen im Jahr. Doch manchmal spüre sie, dass die Kraft nachlässt. „Ich werde 76“, verrät sie. Eine Freude? Wenn die Kinder und Enkel kommen. „Ich habe 18 Enkelkinder.“ Vier Kinder hat sie groß gezogen. Zwei sind künstlerisch tätig. Tochter Sara Maria Wawra hat ein Atelier für Keramik in Ballwitz, und Stephan Rätsch ist diplomierter Puppenspieler.
Er wohnt gegenüber. Bekannt durch sein „Mobiles Figurentheater für große und kleine Menschen, drinnen und draußen“. Manche Einheimische nennen ihn „etwas skurril, eben einen Künstler“. Mit seinen kunstvollen, oft filigranen Figuren erzählt er Geschichten, oft hintersinnig und mit philosophischem Tiefgang, etwa von Dornröschens Geburtstag, von Rapunzel, von der Eintagsfliege, von Soldaten, die im Inneren Flaschen sind.
Dorothee Rätsch bittet zum Tee – bereitet aus Walnussblättern, Minze, Oregano, Bohnen- und Johanniskraut, aus schwarzer Johannisbeere, Kresse, Brennnessel und Gundermann… Dazu gibt es selbst gefertigtes Konfekt aus Vogelbeeren und Quitten. „Die nächste Revolution muss tanzbar sein“, steht auf der großen Tafel im Atelier und „Wer geliebt wird, stirbt nicht“ oder „Wenn man allein ist, macht auch das Ich sich davon“. Sie sammelt Weisheiten, macht sich auch Gedanken um die Entstehung des Universums.
Ist sie ein Optimist? Sie überlegt eine Weile. Ja doch. Obwohl ihr Tiefschläge sehr zu schaffen machen. Etwa, als ihr Slawendorf verfiel. Wo so viel Kraft und Herzblut hinein geflossen war. Da wurde sie sehr krank. Aber das sei Vergangenheit, und sie lebe absolut in der Gegenwart, meint sie gleich darauf. Und außerdem – ihre Arbeit mache ihr jeden Tag Freude. „Es ist die spannendste Geschichte, die ich mir vorstellen kann.“ Denn fertig sei eine Figur nie. Es bleibe immer etwas offen…

16.08.2016 
Quelle: Nordkurier 

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