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05.09.2018

Kommt er zurück? Im Dorf geht die Angst um

Noch vor ein paar Wochen sagten sie vor Gericht gegen ihn aus. Jetzt ist der ehemalige Nachbar auf freiem Fuß und kehrt vielleicht nach Alt Rehse zurück. Das sorgt für Fassungslosigkeit und einen Vertrauensverlust in die Justiz.

Alt Rehse. Es ist ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Die Spätsommersonne scheint auf das idyllische Dorf Alt Rehse am Tollensesee. Das Atelier-Café ist geschlossen, die Kirche offen. Urlauber rollen mit ihren Rädern über das Kopfsteinpflaster der Dorfstraße vorbei an den Fachwerkhäusern. Einige steigen ab und machen Fotos.
In bester Lage neben dem Dorfteich steht das Haus des Mannes, der laut Anklageschrift im Sommer 2016 seine Lebensgefährtin Sarah H. nackt ans Bett fesselte, sie auspeitschte und sie hilflos sterben ließ – ohne ihr zu essen oder zu trinken zu geben. Die Gardinen sind zugezogen, der Garten zugewachsen. Wer nicht weiß, welche Gräueltat hinter der Eingangstür geschah, sieht nur, dass in diesem Haus, das 1952 als Kulturhaus gebaut und nach der Wende ein Gasthaus war, lange keiner mehr gewohnt hat. Das könnte sich ändern.
„Im schlimmsten Fall müssen wir wieder mit ihm leben“, sagt ein Mann, der in Sichtweite wohnt. Längst hat sich im Dorf herumgesprochen, dass der mutmaßliche Tätet seit Freitag wieder auf freiem Fuß ist. Gesehen wurde er zwar noch nicht, der Nachbar weiß aber von mehreren Handwerkern, die von dem Mann angerufen wurden, dass er das Haus renovieren lassen möchte, um dort wieder einzuziehen.

Die Zeugenaussage wurde mehrfach verschoben
„Die Leute sind entsetzt. Viele haben Angst. Wissen nicht, ob sie ihre Kinder noch alleine draußen spielen lassen können“, sagt der Anwohner und erzählt noch mal, was er in der Vergangenheit auch schon Journalisten vom Spiegel, der Bildzeitung und anderen Medien gesagt hat. Der Folter-Tod hat den Ort bundesweit bekannt gemacht. Zudem hatte Sarah H., die aus dem Rheinland stammte, 2011 eine gewisse Aufmerksamkeit auf sich gezogen, weil sie Kandidatin in der Sat1-Show „Schwer verliebt“ war.
Der Anwohner erzählt, wie der Angeklagte mitten in der Nacht auf der Straße Trompete spielte. Wie er wahrscheinlich unter Drogeneinfluss mit dem Auto durch die Nacht raste. „Wir wurden von der Polizei allein gelassen mit der Trompeterei. Das hat niemanden interessiert, bis es zu spät war“, sagt der Nachbar. Eigentlich sollte er vor Gericht als Zeuge aussagen. Doch der Termin wurde erst am gleichen Tag mehrfach verschoben. Dann wurde er nach Hause geschickt und zu einem neuen Termin bestellt, der dann auch platzte. „Ich bin mir sicher, dass er auf Zeit gespielt hat“, sagt der Alt Rehser.
Ein weiterer Anwohner kommt dazu. Er hat erst gestern davon erfahren. „Das ist eine große Schande. Was hier passiert ist, ist Justizversagen. Ich verstehe das nicht“, sagt der Rentner.
Auch Penzlins Bürgermeister, Sven Flechner, ist schockiert. Alt Rehse ist ein Ortsteil von Penzlin, der sich mit dem Projekt im ehemaligen Lebenspark gerade richtig gut entwickelt. „Einige Alt Rehser wurden genauso wie ich im Prozess als Zeugen angehört. Sie haben sich zum Angeklagten geäußert und sind nun mit seiner möglichen Anwesenheit konfrontiert. Die ganze Sache führt nicht zu mehr Vertrauen in unseren Rechtsstaat“, kritisiert Flechner.
Bisher sorgten sich die Alt Rehser eher um den überfluteten Keller des leer stehenden Hauses mit der Ölheizung. Einmal kam die Feuerwehr schon, um das Wasser rauszupumpen. Doch das Wasser ist zurückgekehrt und vielleicht bald auch der Mann, der Angst verbreitet.

Vorerst eine andere Bleibe in der Region gesucht
Laut Carl-Christian Deutsch, Sprecher des Landgerichts Neubrandenburg, wird der Angeklagte, der sich voraussichtlich ab 2019 in einer zweiten Neuauflage des Strafprozesses verantworten muss, vorerst aber nicht nach Alt Rehse zurückkehren. Er habe sich eine andere Bleibe in der Region gesucht.
Allerdings kann ihm auch niemand verbieten, sein altes Haus wieder aufzusuchen oder zu beziehen. Er sei aus der bereits zwei Jahre währenden Untersuchungshaft entlassen worden, weil keine Fluchtgefahr bestehe und er laut Gutachten auch keine Gefahr für andere Menschen darstelle, so Deutsch. Er habe auch keine Auflagen, sich bei der Polizei zu melden und ihm sei auch kein Betreuer zur Seite gestellt worden.
Wäre es von Anfang an nach dem Vertreter der Nebenklage gegangen, Rechtsanwalt Damian Hötger aus Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz), würde der Mann, der für den Tod von Sarah H. verantwortlich sein soll, jetzt allerdings für eine lange Zeit im Gefängnis sitzen. Er selbst hatte im ersten Prozess eine Freiheitsstrafe von elf Jahren wegen Totschlags verlangt. Wenn jemand eine andere Person festschnallt, sie auspeitscht und ihr nichts zu trinken und zu essen gibt, dann nehme er den Tod dieser Person zumindest billigend in Kauf, so Hötgers Argumentation damals.
Doch der Bundesgerichtshof habe in der Revision an der Ansicht festgehalten, dass der Angeklagte das spätere Todesopfer „nur foltern“ wollte – es habe sich also um eine Körperverletzung mit Todesfolge und eine Freiheitsberaubung gehandelt, so der BGH. Der habe deshalb auch festgelegt, dass eine neue Verurteilung in der Neuauflage des Prozesses am Landgericht Neubrandenburg nicht mit einer Haftstrafe von mehr als fünf Jahren enden dürfe. „Das halte ich für falsch“, sagt Hötger nach wie vor.
Doch die jetzigen Entscheidungen des Landgerichts Neubrandenburg halte er für nachvollziehbar. „Sonst hätte das Oberlandesgericht Rostock das verfügt“, meinte er.

05.09.2018 
Quelle: Nordkurier 

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