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21.03.2017

Nach dem Folter-Urteil herrscht hier noch keine Erleichterung

Vier Tage nach dem Richterspruch im Fall der getöteten Sarah H. aus Alt Rehse, blicken die Menschen im Dorf auf das leere Haus, in dem die junge Frau ihr Martyrium durchlitt. Und in einem Wunsch sind sich die Rehser, was ihren Peiniger betrifft, einig.

Alt Rehse. Blitzblank aufgeräumt ist sein Grundstück in Alt Rehse. Dort, wo sich Unrat, alte Autos, Sperrmüll türmten, haben sich Schneeglöckchen aus dem Rasen gewagt, hüpfen federnd Elstern auf den noch kahlen Ästen und scheinen wie zum Hohn ihre Freiheit zu zelebrieren. Denn Axel-Ingo G. hat sie eingebüßt, jene Selbstbestimmtheit, sich frei zu bewegen. Er sitzt auch nach dem Urteil vor vier Tagen in Untersuchungshaft. Fünf Jahre Knast hatte der Richter verhängt. Für die Peitschenhiebe an der nackten und gefesselten Sarah H., die laut Gericht zu ihrem Tode führten.
„Zu wenig“, heißt es am Montag in Alt Rehse. So recht glaubt man dort ohnehin nicht einmal, dass der schon lange ungelittene Mann im Dorf die Strafe auch absitzen muss. Erleichterung sieht anders aus. „Der heckt mit seinem Anwalt noch was aus. Das ist noch nicht das Ende vom Lied“, verschränkt ein Alt Rehser bei seinen Worten die Arme vor der Brust. Abwehr, ja, diese Haltung habe sich bei vielen im Dorf dem Zugezogenen aus Stuttgart gegenüber mehr und mehr aufgebaut. Einer beschreibt den Umgang mit G. als „oberflächlich freundlich“. „Guten Tag und guten Weg“. Das war‘s.
Bis zum letzten Tag, da man den selbst ernannten Reichsbürger, der immer wieder durch Lärm und krudes Verhalten die Nerven der Alt Rehser strapaziert hatte, im Dorf ertragen musste. Einem Tag, den so mancher gern streichen würde im idyllischen Buch der Dorfgeschichte. „Ich glaube, es ging den meisten hier in dem Moment gar nicht darum, wer das mit der Sarah gemacht hatte, sondern, dass überhaupt ein Mensch zu so einer sadistischen Tat fähig ist. Mitten unter uns.“ Erinnerungen oder viel mehr eine Entwicklung, die Axel G. genommen hat.
Aus dem Computertechniker, der einst für renommierte Firmen arbeitete, wird der „Reichsbürger“, der sich, nach dem die Aufträge mehr und mehr abnehmen, abschottet. Ein Mann, der kaum noch aus dem Haus ging, wie man im Dorf beobachtete, der sich mehr und mehr vom Verfassungsschutz bedroht fühlte und auch den dünnsten sozialen Faden in der Rehser Gemeinschaft reißen ließ. Kein Dorffest mehr, kein Kirchgang. Kein Klön übern Gartenzaun.
Zweimal kehrte Sarah H. zu ihrem Peiniger zurück
„Dass der nicht ganz gesund zu sein schien im Kopf, das war uns schnell aufgefallen, aber was soll man machen? Er war ja in der Psychiatrie, kam aber wieder raus“, meint der Mann mit den verschränkten Armen, den auf abstruse Weise sogar etwas mit dem Verurteilten verbindet. Denn G.s Ehefrau hätte eines Abends, als die beiden erst kurz im Dorf lebten, Schutz gesucht bei ihm im Haus nicht weitab vom Dorfteich. „Sie stand plötzlich weinend vor der Tür und erzählte, dass ihr Mann sie verprügelt habe und damit drohte, das Haus anzuzünden. Wir haben sie drei, vier Wochen bei uns behalten. Dann nahm sie sich eine Wohnung in Neubrandenburg und kam nie wieder ins Dorf.“ Im vergangenen Jahr allerdings soll sie Urlaub in der Region gemacht und von dem Schicksal der Sarah H. aus der Zeitung erfahren haben.
War Axel G.s Noch-Ehefrau einem ähnlichen Verhängnis entronnen? Und hätte man im Dorf der 32-jährigen Sarah H., die unter gesetzlicher Betreuung stand, das Martyrium ersparen können? Ein Mensch, der offenbar zeitlebens einsam und voller Selbstzweifel war, verachtet und missachtet. Schon in ihrer Heimat, dem rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein, galt sie als Einzelgängerin, die mehr gemobbt als gemocht wurde. Ein Kind, ein Teenager, eine junge Frau, die ihre Sehnsüchte und Träume vom Leben, ihren Wunsch nach Liebe mit ihren mehr als 200 Barbiepuppen auslebte. Jene schönen schlanken begehrten Puppen, die alles sein konnten, was Sarah H. nie wurde.
Bis zu jenem Tag, an dem das Fernsehen auf die scheue, aber immer noch an die Liebe glaubende Frau, auf sie, die Auspackerin und Regaleinräumerin eines Supermarktes, aufmerksam wurde. Die Sat1-Show „Schwer verliebt“ bescherte Sarah H. kurze, aber heftige Prominenz. Mit Nachwehen. Denn von da an wurde sie überall in dem kleinen Ort ausgelacht. Die Hoffnung auf den Traummann freilich war ein Irrglaube und die junge Frau war vor trivialem Millionen-Publikum zum Opfer geworden.
Doch das Internet schien ihr noch eine Wink zum Glück geben zu wollen, als sie schließlich den 20 Jahre älteren Axel G. kennenlernte. Rasch zog sie zu ihm nach Alt Rehse. Und stand nur wenige Monate später am Dorfteich. Weinend. Verwirrt, wie man dort erzählt. „Sie stammelte nur wirres Zeug“, erinnert sich der Mann, der sie mit zu sich nach Hause nahm. „Der hat mich gekidnappt!“, habe Sarah gerufen und „dass er sich dauernd Pillen einwirft. Und ich muss auch welche schlucken.“, habe sie gesagt.
Vom Haus der Nachbarn aus rief Sarah H. die Polizei, kam ins Frauenhaus. Zweimal flüchtete sie dorthin. Zweimal kehrte sie zu ihrem Peiniger zurück. Besiegelte sie damit ihr Todesurteil? Auch, weil niemand mehr hinsah? Immerhin, der Tod der jungen Frau war rund zwei Monate lang unbemerkt geblieben. Bis zum 9. August vergangenen Jahres.
Die Urne mit Sarah H.s Asche ist inzwischen nach Idar-Oberstein gebracht worden zur Bestattung in einem Ruheforst. Und plötzlich war das Interesse am Schicksal der 32-Jährigen groß. Statt Ignoranz galt ihr posthum Aufmerksamkeit in der kleinen Heimatstadt. Viele wollten zu ihrer Beerdigung kommen, heißt es. Auch aus Alt Rehse? Man weiß es nicht.
Wer will denn so ein „Horrorhaus“ haben und darin leben?
Gern wissen würden die Alt Rehser vor allem, was aus dem Haus wird. Der einst beliebten Gaststätte Haus „Rethra“, die G. von der Witwe des Besitzers gekauft hat. „Das gehört doch der Bank. Das hat er nicht mehr lange. Gerade mal, dass ein Kumpel von ihm das Grundstück und offenbar auch innen aufgeräumt und die Vorhänge heruntergelassen hat. Die Schrottautos sind auch verkauft“. Doch wer wolle so ein „Horrorhaus“ haben? Wer will und kann da je wieder drin leben?, fragt man sich im Dorf.
„Das Haus ist nicht mehr zu retten. Das steht mit Sicherheit wieder unter Wasser.“ Der Keller liege tiefer als der Dorfteich. Im Frühjahr drücke das Wasser besonders in den Keller. „Schon letztes Jahr hat das Wasser ihm die fast leeren Öltanks aus den Halterungen gerissen, stand der Keller unter Wasser mit einem Ölfilm drauf. Das wurde abgepumpt. Aber diesmal?“ Schweigen. Schulterzucken. Man müsse abwarten. Fest steht nur: „Wir wollen ihn nicht mehr im Dorf, wir hoffen, dass er nie wieder kommt“, scheinen sich die Alt Rehser selbst optimistisch zu stimmen.
Die Stille im Dorf sei seit Monaten wieder zu spüren, die lang vermisste Ruhe, mit der der Sommer ausklang, der Winter einkehrte und nun der Frühling auflebt. Und die Jahreslosung im Info-Kasten bei der Dorfkirche klingt wie für die Alt Rehser verfasst: „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“ Ein Satz nur. Aber voller Hoffnung und Neustart.

Kontakt zur Autorin
c.goels@nordkurier.de

21.03.2017 
Quelle: Nordkurier 

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