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10.11.2016

Nazi-Deutschland als Bauernland? Auch Alt Rehse sollte „Idealdorf“ sein

Ein Dorf bei Gnoien sollte einst ein nationalsozialistisches Musterdorf werden, ganz so wie in Alt Rehse. Maßgeblich beteiligt war Gutsherr Bassewitz-Behr, dem später als Kriegsverbrecher der Prozess gemacht wurde. Das Ganze war komplett durchgeplant, doch nur ein kleiner Teil davon wurde in die Tat umgesetzt. Den Nazis kam der eigene Krieg dazwischen.

Walkendorf/Alt Rehse. Zu den 800 Jahren, die Walkendorf nun besteht, gehört auch ein so interessantes wie heikles Kapitel Geschichte, das bislang weitgehend unaufgeschlagen war. Denn es handelt sich um eine dunkle Ära, die die Historikerin Angelika Halama nun beleuchtet hat: Die Nazi-Zeit. Wie sie bei einem Vortrag im Rahmen der 800-Jahrfeier Walkendorfs in der Alten Ausspanne sachlich und neutral ausführte, habe das Dorf zu dieser Zeit eine ganz besondere Rolle in der Region eingenommen: Sollte es doch Vorreiter als nationalsozialistisches Musterdorf sein.
Ähnlich wie noch heute in Alt Rehse erlebbar, wo der SS-Ärzteführerschaft schmucke deutsche Häuschen namens „München“ und „Hamburg“ gebaut wurden, sollte auch an Walkendorf der Geist der NS-Diktatur architektonisch ablesbar sein. Gemäß Hitlers Ausspruch: „Deutschland wird ein Bauernland sein oder es wird nicht sein.“ Deutschland sollte mit selbst erzeugten Produkten autark sein, wie Angelika Halama weiter ausführte. Für das „Musterdorf“ Walkendorf als eine organische Siedlung, in der ein Dorfgemeinschafts-Gefühl wachsen konnte, gab es 1937 sogar einen Plan. Dem Walkendorfer Entwurf war der 1. Preis im Rahmen eines Architektenwettbewerbs zugedacht, der sich auch mit Groß Lukow bei Penzlin befasste.
Abseits der Mensch und Kleinvieh gefährdenden Hauptverkehrsstraße sollte demnach in Walkendorf eine neue Ortschaft rings um die Mühle entstehen. Dafür wollte Gutsherr Graf Bassewitz-Behr 65 Morgen Land zur Verfügung stellen. Vorgesehen war auch ein Sportplatz zur Ertüchtigung junger gesunder Deutscher.
Zur Verwirklichung des Planes war es aufgrund des Krieges nicht mehr gekommen – anders als in Alt Rehse, wo etwas früher mit dem Bau des „Idealdorfes“ begonnen wurde. Errichtet wurden in Walkendorf allerdings mehrere sogenannte Werkwohnungen an der Straße. Steingewordene Zeugin dieses Planes ist auch die schöne Fachwerkschule, die heute das Gemeindebüro beherbergt. So wollte man den Landarbeitern, die nach Aufhebung der Leibeigenschaft massenhaft in die Industriegebiete abwanderten, das Dorfleben wieder schmackhaft machen.
Einer, der die Zeichen der Zeit und die damit verbundenen Chancen für sein Gut Walkendorf früh erkannte, war jener Graf von Bassewitz-Behr. Zunächst ging Georg-Henning von Bassewitz-Behr bei seinem Onkel auf Gut Schwiessel in die landwirtschaftliche Lehre. Er heiratete und bekam drei Töchter und zwei Söhne, die beide in Russland fallen sollten, wie im Vortrag weiter ausgeführt wurde. Zunächst hatte der Graf aufgrund der Agrarkrise erwogen, als Farmer nach Deutsch Südwestafrika zu gehen. Aber als er, schon auf der Reise dorthin, Hitlers „Mein Kampf“ las, war er von dessen Ideen entflammt und entschied sich für Deutschland. Hier sollte er Karriere machen: Zunächst als Verantwortlicher für sämtliche SS-Motoreinheiten Norddeutschlands, dann als SS-Reichsführer im Kommandostab und von 1941 und 1943 unter anderem als Polizeiführer in der besetzten Sowjetunion.
Doch zurück nach Walkendorf. Hier wurde 1938 der Grundstein für das Musterdorf gelegt. „Das neue Walkendorf soll werden eine Pflegestätte frohen Lebens im Dienste der Gemeinschaft; es soll werden eine Stätte getreuer Arbeit zu Nutz und Frommen unseres Vaterlandes, es soll werden eine Heimstätte für ein starkes Geschlecht, das hier aufwachsen soll zum Heile des Volkes.“ Diese bei der Gründungsfeier geäußerten Worte des Gauleiters Hildebrandt dürfte auch Adolf Otto gehört haben, der als kleines Kind dieser Veranstaltung beiwohnte und noch heute in Walkendorf lebt. Die Familie seines Vaters hatte den Siedlerhof bei Walkendorfer Bauern erhalten, weiß Angelika Halama.
Das „1000-jährige Reich“ lag nach nur zwölf Jahren in Trümmern, das mustergültige Nazi-Dorf wurde nie vollendet und Graf von Bassewitz-Behr ging nicht als Vorreiter nationalsozialistischen Landlebens, sondern als Kriegsverbrecher in die Geschichte ein. Wegen Mordes an 45 000 Zivilisten in Russland wurde ihm der Prozess gemacht. Nach einem erfolglosen Selbstmordversuch mit Gift starb der Graf 1949 in einem ostsibirischen Arbeitslager.
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s.voss@nordkurier.de

10.11.2016 
Quelle: Nordkurier 

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