Hilfsnavigation

Blick auf Penzlin vom Mühlenberg Spiegelung
Logo natürlich Mecklenburgische Seenplatte
03.07.2017

Penzliner protestierten am Grab eines Regime-Opfers

300 Bürger kamen 1950 zur Bestattung des Gastwirt-Sohns Karl-Friedrich Wendt. Mit 21 Jahren war er als politischer Gefangener in der Strafanstalt Untermaßfeld verhungert. Als ein SED-Funktionär am Grab sprach, kam es auf dem Penzliner Friedhof zum Eklat.

Penzlin. Am 5. Juni 1950 probten die Penzliner den Aufstand gegen die SED. Sie protestierten auf dem Friedhof, wo einer der ihren beerdigt werden sollte: Karl-Friedrich Wendt, der als 16-Jähriger zum Jahreswechsel 1945/46 unter Werwolf-Verdacht vom sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet und durch ein Sowjetisches Militärtribunal (SMT) zu zwölf Jahren Internierungslager verurteilt worden war. Nach mehr als drei Jahren Leiden im NKWD-Speziallager Sachsenhausen, auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers, kam Karl-Friedrich Wendt in die thüringische Haftanstalt Untermaßfeld. Dort starb er am 1. Juni 1950 an Unterernährung und Krankheit.
Auch wenn niemand offen darüber reden durfte, wussten die Penzliner Bescheid über das Schicksal des Sohns der Gastwirtsfamilie Wendt, die den Stadtkrug am Penzliner Markt führte. Zumal mit Karl-Friedrich neun weitere Penzliner Jungen verhaftet worden waren.
Plötzlich hielt ein schwarzes Auto am Friedhof
300 Penzliner waren zum Begräbnis gekommen, um dem mit 21 Jahren ums Leben Gekommenen die letzte Ehre zu erweisen. Ursula Reinhardt wohnte am Friedhof und beobachtete den Zug der Trauernden. „Plötzlich hielt ein großes schwarzes Auto vor der Friedhofseinfahrt und heraus stiegen drei oder vier Männer, von denen wir einen als hohen SED-Funktionär erkannten“, schilderte sie nach der Wende ihre Erinnerungen. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Eine halbe Stunde später verließen viele Bürger „fluchtartig“ und „empört“ den Friedhof.
Was war passiert: Nachdem die Zeremonie angemessen begonnen hatte und Propst Büchner das Vaterunser gesprochen hatte, drängte sich der SED-Kreissekretär ans Grab, um eine Rede zu halten, schreibt Ursula Reinhardt: „Der Tote hätte sozusagen selbst Schuld, daß er nun hier sei. Hätte er den ‚richtigen‘ Weg gefunden, dann könnte er noch leben und ein frohes FDJ-Leben führen.“ Daraufhin verließen die meisten Penzliner die Trauerfeier. Am Ende sollen nur noch die Eltern und der Pastor am Grab gestanden haben.
Die kurze Lebensgeschichte von Karl-Friedrich Wendt nebst vielen authentischen Dokumenten hat Horst Vau zusammengetragen. Er stammt auch aus Penzlin und lebt heute in Neubrandenburg. Vau hat ein persönliches Interesse an Wendts Geschichte. Sein Bruder Karl-Heinz Vau geriet nach dem Krieg ebenfalls in die Hände des NKWD. Da war er 16 Jahre alt. Am 14. März 1948 kam er in Sachsenhausen ums Leben. Seine Eltern starben vor der Wende. Die Wahrheit über sein Schicksal haben sie nicht erfahren. Auch ein weiterer Penzliner Junge überlebte Sachsenhausen nicht: Erwin Wendt.
Für Horst Vau ist die Geschichte von Karl-Friedrich Wendt angesichts des stillen Protests der Penzliner gegen die SED-Politik auf dem Friedhof eine besondere. „Das passierte immerhin drei Jahre vor dem 17. Juni 1953“, sagt Vau. Am Tag des Volksaufstandes in der DDR revoltierten auch viele Menschen im damaligen Bezirk Neubrandenburg gegen die DDR-Führung.
Vau zieht ein Dokument hervor: „Frachtbrief Nr. 81“, adressiert an „Herrn Karl Wendt, Penzlin, Stalinstraße“. Ein besonders perfides Papier. Vau zeigt auf die Spalten „Art der Verpackung“ und „Inhalt“. Eine Kiste und Leiche steht dort. Der Frachtbrief dokumentiert den Transport der Leiche Wendts nach Penzlin. 503,70 Mark mussten die Eltern für ihren toten Sohn zahlen – für damalige Verhältnisse eine horrende Summe.
Der Protest auf dem Penzliner Friedhof hatte Konsequenzen: Wochen danach waren in Penzlin Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) unterwegs, die versuchten, Hintermänner des Protestes ausfindig zu machen. Auch der Hauptabteilung Haftsachen der Volkspolizei, der die Justizvollzugsanstalten unterstanden, entgingen die Penzliner Vorkommnisse nicht. Die „Trauerfeier“ sei eine „Demonstration“ gewesen, heißt es in einer Anweisung an die Leiter der Strafanstalten. „Um ähnliche Vorfälle zu vermeiden, werden ab sofort verstorbene Gefangene am Ort des Gefängnisses begraben.“
Die Angehörigen sollten zwar benachrichtigt, aber nicht über den Ort und den Tag der Beerdigung informiert werden. Horst Vau schüttelt mit dem Kopf. Man müsse bedenken, dass die meisten Angehörigen nicht wussten, in welchen Speziallagern oder Gefängnissen ihre Söhne interniert waren. So stieß die Arbeitsgemeinschaft Sachsenhausen erst 1998 auf ein anonymes Massengrab auf dem Friedhof Meiningen, wo Anfang der 50er Jahre die Asche von 49 Toten aus Untermaßfeld verscharrt worden war.
Aus Sachsenhausen übergab der NKWD 1950 mehr als 1200 Internierte an die DDR-Behörden, größtenteils Jugendliche, die anschließend nach Untermaßfeld deportiert wurden. „Dort erging es ihnen teilweise noch schlechter als bei den Russen“, sagt Vau. Krankheiten wie Tuberkulose grassierten in der alten Strafanstalt. Die sanitären Verhältnisse waren desolat. Der Hunger setzte allen Gefangenen zu. 75 Häftlinge aus Sachsenhausen überlebten Untermaßfeld nicht.
Neue Gedenktafel für das Grab von Wendt
Historiker Benno Prieß schätzt, dass unter den mehr als 40 000 SMT-Veurteilten und 120 000 ohne Verhandlung Internierten mehr als 10 000 Jugendliche waren. Viele davon wurden verurteilt, weil sie Werwolf-Mitglieder wären. SS-Reichsführer Heinrich Himmler hatte die paramilitärische Bewegung Ende 1944 ausgerufen, sie stieß aber kaum auf Resonanz und hatte keine militärische Bedeutung.
Trotzdem: Auch in Loitz, Güstrow, Parchim, Bützow, Dömitz und Malchow wurden viele Jugendliche verhaftet. Der jüngste, Kurt Winkelmann aus Malchow, war erst 13 Jahre alt. Die meisten Jugendlichen wurden zu Unrecht verurteilt, wie die Moskauer Militärstaatsanwaltschaft nach 1990 feststellte: Rund 95 Prozent der Rehabilitierungsanträge wurde stattgegeben. Auch Wendt wurde rehabilitiert. Stellvertretend für die Opfer soll das Grab von Karl-Friedrich Wendt mit einer Gedenkplatte neu gestaltet werden, sagt Vau. Am Ende des Textes wird es heißen: „Gedenken wir der Opfer und erinnern an das Unrecht in der DDR - zur Mahnung!“

03.07.2017 
Quelle: Nordkurier 

Kontakt

Stadt Penzlin
Der Bürgermeister
Warener Chaussee 55a
17217 Penzlin

Telefon +49 3962 2551-0
Fax +49 3962 2551-52
f.colberg@penzlin.de