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28.10.2015

Von Wildschweinen, Mörder-Anstiegen und wunderschönen Aussichten

Der Radweg rund um den Tollensesee: Erst nach der Wende konnten Anwohner und Gäste ihr Gewässer komplett und dicht am Wasser mit dem Fahrrad umkurven. Aber der Weg ist in die Jahre gekommen, beklagen viele Leser in Briefen an den Nordkurier. Zeit für einen Selbstversuch, bei dem am Ende der Muskel sauer ist.

Alt Rhese. Schnappatmung. Die wunderschöne Kastanienallee vor den Toren Alt Rehses liegt jetzt im Rücken. Der Blick nach links erwischt einen kleinen Streifen See, nach einer ganzen Umrundung weiß man, was man gerade geschafft hat: Hunderte Meter Anstieg sind Geschichte. Deshalb die Kurzatmigkeit. Verflixter Ehrgeiz. Was hätte es schon ausgemacht, ein kleines Stück zu schieben? Zumal – weit und breit ist niemand zu sehen, der sich über gezeigte Schwäche mokieren könnte.
Der Radweg rings um den Tollensesee ist eben kein Radweg wie viele andere. Selbst Experten, die Hunderte Radler-Strecken unter die Pneus genommen haben, bescheinigen dem Rundkurs anspruchsvolles Geläuf. So viele Kilometer sind es nicht, die bei dem Parcours auf ebener Strecke absolviert werden können. Die Eiszeit und deren Gletscher müssen nicht nur den wunderschönen tiefen See verantworten, sondern auch das hügelige Gelände ringsum. Was ist schon der Radweg um die Müritz gegen den am Tollensesee? Reine Erholung, auch wenn der Kanten fast doppelt so viel zählt als die rund 38 Kilometer um den „kleinen Bruder“ der Müritz ..
Allerdings – der Untergrund auf dem Weg rings um die Müritz, viele Kilometer verlaufen dort durch den Nationalpark, ist von wahrlich besserer Qualität. 20 Minuten vor Alt Rehse, auf dem Weg zum Campingplatz in Gatsch Eck, hat der Radfahrer die Qual der Wahl. Entweder wird der Uferweg gewählt, voll knorriger Wurzeln, sehr ungeeignet. Oder es wird sich für den Seitenstreifen entlang der holprigen gepflasterten Straße, die zum Zeltplatz führt, entschieden. Höchste Konzentration würde hier der Bundestrainer empfehlen, will man im Zuckersand nicht ins Straucheln geraten oder auf dem Pflaster ausrutschen. Kurz vor Alt Meiershof ist sogar Zähneklappern angesagt. Der Panzerweg prüft Rad und Fahrer auf Festigkeit.
Alt Rehse entschädigt für heiße Lungen und Geklapper. Allerdings, Pausen in der Hoffnung auf Speis und Trank sind Fehlanzeige. Die Gaststätte, die einst auf den stolzen Namen „Rethra“ hörte, präsentiert sich seit Jahr und Tag geschlossen. Besser sind die beraten, die sich Essen und Trinken mitbringen.
Hinter dem Dorf, das die Nazis einst zum Musterdorf machen wollten, geht es bergab. Im wahrsten Sinne des Wortes, die Beine können ausruhen. Aber Achtung: Falsch verhält sich, wer dem schönen Gefühl des Radfahrens ohne strampeln zu müssen, gar zu lange nachgibt. Irgendwann biegt der Tollenseradweg scharf rechts ab. Wer geradeaus weiter herunterrollt, findet sich zu guter Letzt in Wustrow wieder. Nicht, dass Wustrow keine gute Adresse hergibt. Aber – hernach gilt es wieder ein ganzes Stück hügelaufwärts zu radeln, um auf den eigentlichen Weg zu gelangen. Mist! Dabei wollten die Kräfte geschont sein. Längst kann noch nicht Halbzeit gepfiffen werden.
Zum Glück die richtige Fahrtrichtung gewählt
Ein Stückchen weiter kann die Lieps erahnt werden, zu sehen ist das Gewässer noch nicht, jetzt hat sich der Weg ein ganzes Stück vom See entfernt. Zippelow kommt in Sichtweise, Gott sei Dank ist die Entscheidung, wie der See umrundet sein will, zugunsten des Starts in Richtung Gatsch Eck ausgefallen. Denn in Zippelow, wo es noch nach Dorf riecht, naht der „Mörder“-Anstieg. Sozusagen die steile Wand von Meerane. Jagte jener sächsische Hügel einst den Radsportlern der Friedensfahrt Angst und Schrecken ein, graut dem Normalo unter den Tollensesee-Radlern vor dem Anstieg. Aber nicht bergab. Immerhin, zwölf Prozent Steigung verheißt das Warnschild. Egal, wer hier sparsam bremst, vermag (leicht übertrieben) fast bis Prillwitz durchzurollen.
Der Wendepunkt, jetzt kann kilometermäßig Bergfest gefeiert werden. Um die Lieps herum geht es wieder nach Norden, Richtung Neubrandenburg. Usadel huscht sozusagen vorbei, Hügel hoch und Hügel runter, bis nach Nonnenmühle, ins Naturschutzgebiet. Zwar nur sacht, aber immer bergauf, schlängelt sich der Weg von hier unten nach oben zur B 96. Aber, die ganze Geschichte von wegen Naturschutzareal und so, dieser Status muss bis zu den Wildschweinen vorgedrungen sein. Dutzende Meter weit haben die gierigen Waldbewohner auf der Suche nach Futter den Radweg aufgewühlt. Runter schalten, vorsichtig – im Zickzack muss das Stück Weg jetzt absolviert werden.
Die B 96 liegt bald wieder im Rücken, der Golfplatz zur Linken bleibt verwaist an diesem Wochentag. Hotel „Bornmühle“ ist kurz in Sicht, jetzt geht es vorbei an einem Naturlehrpfad. Wer die Muße besitzt, liest Baum- und Strauchnamen an Schildern vor den Gehölzen. So botanisch weitergebildet, erreicht der Radler Klein Nemerow. Durchgeschwitzt nunmehr, klare Sache. So mag sich niemand in den „Heidehof“ setzen, an weißes Tischtuch. Stärkung muss wohl warten bis Neubrandenburg.
Die letzten Kilometer sind ein Klacks. Die Mühen der Ebene sozusagen. Unter den bunten Kronen des Waldes naht die Viertorestadt, schnurstracks ist das Augustabad erreicht. Klacks? Da spielt ein wenig Angeberei die Hauptrolle. Denn, es ist nicht zu leugnen, die Oberschenkel rufen nach Ruhe und der Muskel erscheint leicht übersäuert, wie Sportler sagen.
Aber Schnappatmung hin und drohender Muskelkater her – die Strecke lohnt sich auch bei der x-ten Wiederholung. Die Landschaft ist unschlagbar, der Radweg aber verbesserungswürdig. Vorsichtig ausgedrückt.

Kontakt zum Autor
t.beigang@nordkurier.de

28.10.2015 
Quelle: Nordkurier 

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