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12.12.2017

Warum Michael Fink alle Eltern duzt

Als Kita-Leiter sieht Michael Fink viele Kinder und Eltern kommen und gehen – zu manchen hält die Verbindung aber länger. Zum Beispiel zu Colin Heidecker, dessen Tochter einst den Waldkindergarten von Michael Fink in Passentin bei Penzlin besucht hat. Nun hat Heidecker Fink im Rahmen der Serie „Leser fragen Leser“ interviewt – es ging, natürlich!, um Kinder, die Natur, aber auch um den besonderen Reiz Neubrandenburgs. Frank Wilhelm führte Protokoll.

Wie kommt man auf die Idee, einen Wald-Kindergarten aufzumachen?
Ich habe in Neubrandenburg Early Education studiert. Bis zur Kindergarten-Gründung 2015 habe ich im Verein „wild wurzeln“ an verschiedenen Projekten gearbeitet: Klassenfahrten, Ferienfreizeiten im Slawendorf Passentin. Dadurch hatten wir schon Kontakte zu anderen Kindergärten, die wir aus den Kitas raus- und rein in die Natur geholt haben. Daraus ist die Idee entstanden, vor Ort einen Wald-Kindergarten zu gründen.

Was war die Initialzündung?
Die Idee entstand noch viel früher. Ich komme aus dem Rhein-Main-Gebiet. Ich war zehn Jahre Mitglied der Pfadfinder, da wurde ich natürlich auch geprägt, was Gemeinschaft, Natur und Abenteuer betrifft. Nach meinem Fachabitur habe ich ein Freiwilliges Ökologisches Jahr in einem Umweltbildungszentrum in Nordhessen gemacht, wo ich mit Klassen viel Naturbildung gemacht habe. Diese Zeit war vielleicht entscheidend dafür, dass mir klar wurde, dass ich etwas mit Kindern machen will. In dem Dorf habe ich sogar einen kleinen Bioladen geführt. Der hatte morgens und mittags jeweils eine Stunde auf.

Wie kamen Sie dann ausgerechnet auf Neubrandenburg?
Ich brauchte eine Ausbildung, wenn ich eine Kita aufmachen wollte. Damals gab es nur sieben Hochschulen, die das Studienfach Kindheitspädagogik anboten. Ich habe sieben Absagen bekommen, auch von Neubrandenburg, bin dann aber noch im Losverfahren reingekommen.

Dann haben Sie Neubrandenburg ja quasi gelost?
Ja, und ich muss ehrlich sagen, ich habe vorher nie etwas von Neubrandenburg gehört. Ich erinnere mich an einen doofen Spruch eines Bekannten aus Ostfriesland: Wie kommst Du denn nach Neubrandenburg? Fährst Du da mit ‘nem Trecker hin?

Wie sind Sie denn hierher gefahren?
Ich bin mit drei Hansa-Fans in deren alten Opel Kadett mitgefahren. Die kamen vom Spiel Eintracht Frankfurt gegen Hansa Rostock zurück. Ich bin Eintracht-Fan und Frankfurt hatte das Spiel gewonnen. Die Jungs aus Rostock waren trotzdem nett. Ich war ein halbes Jahr in Neubrandenburg und wusste: Hier kannst Du bleiben. Stadt ist zwar nicht so mein Ding. Aber wenn man zwei, drei Kilometer aus Neubrandenburg rausfährt, ist es überall schön. Ich finde, Neubrandenburg ist auch eine spannende Stadt.

Warum?
Die Stadt hat was. Man kann, wenn man will, sein Ding machen. Die Leute, die was reißen, begegnen sich. Teilweise aus der Not geboren, vernetzen sich auch alle. Die Stadt funktioniert teilweise wie eine Dorfgemeinschaft.

Obwohl ich Neubrandenburg manchmal auch als langweilig empfinde.
Wirklich? Ja, es fehlt halt etwas. Wenn man beispielsweise nach Greifswald fährt, sitzen die Leute in den Cafés. Das Flair ist studentisch, die Leute sind jünger in Greifswald.

Ich meine den Begriff langweilig auch nicht negativ. Langeweile ist immer auch eine Herausforderung – man muss was daraus machen. Viele Dinge brauchen einfach eine lange Weile. Die Viertorestadt ist weniger schnell, weniger stressig als Leipzig oder Berlin. Sie bietet aber mehr Lebensqualität.
Ich genieße Neubrandenburg. Die Stadt ist sehr ruhig, es ist aber trotzdem eine Stadt. Allerdings mahlt alles andere oft auch sehr langsam. Wir haben über zwei Jahre gebraucht, um unseren Kindergarten zu gründen, weil es bei neuen Dingen natürlich viele Fragen und Ängste in den Verwaltungen gibt.

Was macht ein Wald- kindergarten anders als eine normale Kita?
Wir sind draußen. Wir sind zu 90 Prozent draußen mit den Kindern. Im Winter sind es vielleicht 60 Prozent. Wir tun alles, damit die Kinder wieder zurück zur Basis, zurück zur Natur finden. Wir leben in einer schnelllebigen Welt und machen Angebote, die bei vielen Kindern lange schon vergessen sind: also Feuermachen und über dem Feuer kochen und draußen essen, toben, ströpern, Hütten bauen, uns dreckig machen.

Und zu lernen, wie die Bäume heißen?
Auch. Uns geht es aber weniger um Wissen, sondern mehr um Erfahrung. Uns geht es darum, wieder ein Gefühl zur Natur herzustellen. Ich erlebe, dass unsere Kinder im Vergleich zu Kindern aus Regel-Kitas motorisch besser unterwegs sind. Unsere Kinder können nicht nur auf jedem Terrain laufen, sie können auch aus mehr als einem Meter Höhe runterspringen und abrollen, ohne sich wehzutun. Lernen passiert nebenbei, beim Abenteuer.

Was passiert, wenn es regnet?
Dann muss man erfinderisch sein. Manchmal hat man eine Plane dabei, manchmal schaffen wir es, uns einen Unterstand zu bauen. Manchmal werden wir auch alle nass. Das ist aber auch eine schöne Erfahrung für die Kinder, die merken, wir spüren uns. Und ich sehe einen weiteren Aspekt mit Blick auf die Bewahrung unserer Welt: Was wir lieben, schützen wir auch.

Was sagen die Kindheits- pädagogik-Experten der Hochschule Neubrandenburg zum Wald-Kindergarten?
Man steht dem Konzept aufgeschlossen gegenüber. Das zeigt sich daran, dass Anna, meine Frau, und ich seit vier Jahren einen Lehrauftrag Naturbildung an der Hochschule erfüllen.

Der Waldkindergarten fordert aber auch die Eltern ganz anders. Worauf müssen sie sich einlassen?
Auf jeden Fall auf dreckigere Klamotten. Aber so doll anders ist es auch wieder nicht. Es gibt viele Wald-Kitas, die auf Elterninitiative basieren. Da tragen die Eltern natürlich die Hauptverantwortung. Wir sind eine Erzieher-Initiative, deshalb könnten die Eltern ihr Kind auch einfach bei uns abgeben. Trotzdem sind wir natürlich ein sehr familiärer Kindergarten. Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Eltern bei vielen Dingen helfen. Wir organisieren beispielsweise Elterneinsätze in unserem Garten oder aber Jahreskreisfeste mit den Eltern, davon lebt unsere Kita. Besonders ist bei uns sicher auch, dass wir uns alle duzen. Es ist immer ein bisschen familiärer, emotionaler. Aber das ist gut, weil wir – Erzieher und Eltern – eine Erziehungspartnerschaft für ein Kind eingehen.

Nehmen alle Eltern das Du an?
Bislang ja.

Sie sind mit den Kindern viel draußen. Ist der Krankheitsstand höher oder niedriger als in normalen Kitas?
Bezogen auf unsere Kita habe ich keine Vergleichsdaten. Für die Wald-Kindergärten insgesamt gibt es aber die Tendenz, dass die Kinder seltener erkranken. Auf jeden Fall haben sie weniger Erkältungen.

Ich könnte mir vorstellen, dass eine kleine Sauna zu Ihrem Konzept passen würde?
Natürlich, das wäre super für unsere Kinder. Eines der Häuser des Slawendorfes wurde sogar als Sauna konzipiert, leider kam es nicht zur Umsetzung.

Sie wirken sehr lebensbejahend. Gibt es auch Situationen, die Sie traurig machen?
Ja, wenn es um Egoismus und das Lügen geht, dann steige ich aus.

Da passt es, dass Sie mit Kindern arbeiten. Die sollen ja immer die Wahrheit sagen?
Ja.

Bis zu welchem Alter?
Das ist ja schon eine philosophische Frage. Spannend. Wir hatten erst kürzlich ein Gespräch mit den Kindern über Wahrheit, Lüge, Notlüge. Wann ist es in Ordnung, etwas zu sagen, was vielleicht nicht stimmt? Darf ich lügen, wenn ich einen anderen schützen will? Da merken die Kinder auch, dass die Antworten gar nicht so einfach sind. Wir sprechen auch oft über das Thema Gerechtigkeit.

Mit welchem Ergebnis?
Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass es Gerechtigkeit für alle nicht geben kann. Wir versuchen aber, die größtmögliche Gerechtigkeit herzustellen. Die Kinder spüren jedoch selbst, dass das total schwer ist.

Viele junge Menschen der Handy-Generation scheinen in einer digitalen Parallelwelt zu leben. Wie können wir ihnen die Natur wieder nahebringen? Muss die Natur nicht wieder mehr in unsere Schulen Einzug halten?
Das ist ein wichtiges Thema. Ich bin auch Kind dieser Gesellschaft. Auch ich spiele manchmal auf dem Computer, kommuniziere über E-Mails und schaue gerne Fernsehen. Ich merke aber auch, dass die Entwurzelung dazu führt, dass wir überhaupt nicht mehr wissen, was direkt vor unserer Nase liegt. Viele Kinder kennen mehr Tiere, die in Afrika beheimatet sind, als solche, die vor ihrer Tür leben. Sie sind nicht mehr einheimisch. Wir kennen nicht mehr das, was uns umgibt.
Ich glaube, die positive Erfahrung, die man mit einer Gruppe in der Natur macht, ist viel wert. Die ist auch mehr Wert, als Wissensbücher über die Natur auswendig zu lernen.

Sollten die Lehrer mehr in die Natur, mehr Unterricht unter freiem Himmel machen?
Definitiv!
Viele Schulen unternehmen nicht einmal mehr richtige Wandertage. Die Lehrer fahren lieber ins Ozeaneum, ins Müritzeum oder sonst wohin.
Das finde ich Quatsch. Die Klassen sollten einfach raus. Picknick-Decke mit, vielleicht noch einen Kescher und dann wird losgewandert. Wandern ist auch so eine wichtige Komponente des Lebens. Viele Kinder wandern überhaupt nicht mehr, ihnen fehlt einfach die Motivation.

Fühlen Sie sich als Exot?
Ja, aber manchmal werden wir auch gerne zu Exoten abgestempelt. Ich will normal in dieser Welt leben. Aber ich will Kindern und Eltern auch was anderes bieten, eine Alternative, die ihnen bewusst macht, dass wir auf der Erde groß werden.

Kontakt zum Autor
f.wilhelm@nordkurier.de

12.12.2017 
Quelle: Nordkurier 

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