Hilfsnavigation

Blick auf Penzlin vom Mühlenberg Spiegelung
Logo natürlich Mecklenburgische Seenplatte
19.02.2019

Inklusion: Nicht immer ein Allheilmittel

In der Evangelischen Grundschule Möllenhagen lernen 44 Kinder, darunter auch gut zwei Handvoll mit Lernstörungen. Der Nordkurier begleitete das Schultreiben und sah sich an, wo gemeinsames Lernen an Grenzen stößt.

Möllenhagen. Die Schulglocke ertönt. Das Signal, dass der Unterricht an der Evangelischen Grundschule in Möllenhagen beginnt. Die Kinder eilen aus dem Pausenraum. Nur eine nicht: Alina (Name geändert). Noch fünfzehn Minuten bleibt sie im Pausenraum sitzen – damit sie bald besser mit den Schulinhalten mitkommt.
Alina ist neun Jahre alt und besucht die dritte Klasse. Doch beim Lesen hat sie noch immer Probleme. Daher bekommt sie pro Woche 15 Minuten Einzelbetreuung – von ihrer Lernpatin Annette Gräfin Hahn. Zwar ist sie keine Pädagogin, dennoch übt sie ehrenamtlich einmal wöchentlich mit einigen Grundschülern Rechnen, Lesen und Schreiben. Eine gute Lösung für Alina. So braucht das Mädchen, das durch kleine Lernerfolge im Einzellesen motiviert bleibt, sich nicht mit holprigem Lesen vor der Klasse blamiert fühlen. Inklusion sieht anders aus. Danach würde sich der Lehrer im Unterricht um Alina kümmern. Neben 18 Mitschülern.
Alina legt ein Kinderbuch auf den Tisch – über Elmar, den lustigen Elefanten. „Mein Lieblingsbuch“, sagt die Neunjährige lächelnd und schlägt die Seite auf, wo sie das letzte Mal in der 1-zu-1-Betreuung mit dem Vorlesen aufgehört hat. Holprig, Silbe für Silber und dennoch unsicher formt der Mädchenmund die Buchstabenbröckchen zu Wörtern. Hier und da verschluckt sie Wortendungen. Manche Wörter kann sie gar nicht zusammenziehen.
Die Zeit schreitet voran. In dem Kinderbuch mit Großschrift geht es nur langsam voran. In 15 Minuten sind etwa anderthalb Seiten geschafft. Aber die Schülerin ist sichtlich stolz. „Am Anfang hab ich nur eine halbe Seite in der Zeit geschafft“, erzählt sie, kurz bevor es wieder in den regulären Unterricht geht.

Ältere Schüler helfen beim komplizierten Addieren
Ein kleiner Erfolg, der für Alina und auch ihre Lehrerin Ulrike Ziem-Arber große Bedeutung hat. Bevor sich Schüler im Unterricht an Aufgaben die Zähne ausbeißen, weil sie Defizite beim Lesen oder Erfassen haben, müsse zunächst das Grundlegende gefestigt und verbessert werden, meint die Pädagogin. Denn sie steht allein vor ihrer Klasse. Jemandem im laufenden Unterricht eine Viertelstunde „Nachhilfe“ zu erteilen, sei da schlicht nicht möglich. Etwa eine Handvoll Kinder sitzen in den Bankreihen vor ihr, bei denen ein diagnostizierter Förderbedarf bestehe. Dazu kommen Nachfragen anderer Kinder, die eine Aufgabe nicht verstanden haben. Eine zweite Kraft, die in solchen Situationen aushelfen kann, werde benötigt, sagt Ziem-Arber.
Bei einer Gruppenarbeit über Fledermäuse arbeiten die Dritt- und Viertklässler im Duo zusammen. Wo der eine Schüler nicht weiter weiß, hilft der Gruppenpartner. Die Lehrerin beobachtet und kontrolliert.
Etwas abseits des freien Arbeitens mischt sich ein Zweitklässler mit seinem Mathebuch unter die ältere Schülerschaft. Seine Lehrerin hat ihn heruntergeschickt mit einigen, wie es in seinem Arbeitsheft heißt, „komplizierten“ Additions- und Subtraktionsaufgaben. „Eigentlich kann ich gut rechnen“, erzählt der Zweitklässler irritiert. Doch mit dem Prinzip, Zahlen in Zehner und Einer zu zerlegen, bevor alles schließlich zusammengerechnet wird, hat er sichtlich Probleme.
Das Vorgehen festigt sich im Kopf des Achtjährigen – allerdings nur, wenn jemand an seiner Seite sitzt und mit ihm die konkreten Aufgaben durchgeht. Sobald der Platz neben ihm frei ist, hört der Stift auf zu schreiben und der Kopf rechnet nicht mehr.
Der Junge lässt sich leicht ablenken, weiß seine Klassenlehrerin Anne-Katja Haß. Je mehr Übungsdurchläufe es gibt, umso besser versteht er, wie er an solche Aufgaben herangehen muss. Ein Blick auf die Uhr sagt aber: Auch hier vergehen gute 15 Minuten, bis er sich das Vorgehen eingeprägt hat. Zeit, die einem Lehrer bei einer etwa 20 Schüler starken Klasse nicht bleibt. Nicht zumindest, wenn der Lehrer den Anspruch hat, allen Kindern gemäß ihrer Defizite gerecht zu werden.

Weniger Geld für einen zweiten Lehrer?
„Förderschulen müsste es nicht geben, wenn genug Personal an den allgemeinen Schulen da wäre“, meint Haß. Das sei aber nicht der Fall. Wie viele der insgesamt 44 Schüler in Möllenhagen einen sonderpädagogischen Bedarf hätten, wolle man nicht sagen. Aber: Allein unter den 19 Schülern von Ulrike Ziem-Arber befänden sich zwei mit einer Lese-Rechtschreibschwäche und zwei mit einer emotional-sozialen Störung. Die Schüler mit kurzzeitigen Verständnisproblemen oder die Superschlauen, die sich gern mit der nächsten schulischen Herausforderung beschäftigen wollen würden, während die langsam Lernenden noch mit dem Verstehen der Aufgabe beschäftigt sind, sind dabei noch gar nicht eingerechnet.
„Ich würde auch für weniger Geld arbeiten, wenn wir dafür zu zweit in der Klasse stünden“, spricht die Lehrerin mutig aus, was an vielen Stellen verpönt zu sein scheint: um Hilfe zu bitten, um eine pädagogische Mitarbeiterin im Unterricht oder eine Schulbegleiterin. Als „unfähig“ oder „überfordert“ können die Lehrer in Möllenhagen in keinem Fall abgestempelt werden. Nichtsdestotrotz sei die Belastung hoch. Denn abhängig von der Lernstörung muss die Lehrkraft für die verschiedenen Leistungsniveaus in der Klasse bis zu vier unterschiedliche Tests beziehungsweise Leistungsbewertungen vornehmen.
Eine Schulbegleiterin zu bekommen, gehört nicht zum Schulalltag. Die Möllenhagener Grundschule hat dennoch eine. Mandy Nicolaczek betreut an fünf Tagen für sechs Stunden nur ein Kind. Sie mimt die „Übersetzerin bei Aufgabenstellungen“, sorgt für Motivation und dafür, dass die richtigen Ergebnisse im Heft ihres siebenjährigen Schützlings landen.
Schulbegleiter sind wünschenswert für Schulen, die Inklusion betreiben. Sie dienen aber nicht zur Unterstützung der Lehrer, sondern für Schüler mit einer Beeinträchtigung beim Beschulen im gemeinsamen Unterricht, heißt es von Henning Lipski vom Bildungsministerium. Ein Antrag auf solch eine Fachkraft müsse aber durch die Erziehungsberechtigten gestellt werden.
Konkrete Fälle von Überlastungsszenarien unter Lehrern aufgrund der gelebten Inklusion seien Lipski bislang nicht bekannt. Gehen Überlastungsanzeigen ein, würden diese aber durch das Staatliche Schulamt überprüft.
In Möllenhagen jedenfalls hinterlässt der Eindruck in den Schulalltag Fragen: Warum gibt es keine festgelegten „Unterrichtsschlüssel“, die sich am Förderbedürfnis orientieren? Warum keine Schulzentren, in denen Kinder nach ihren Schwächen und Stärken beschult werden, aber die Pausen gemeinsam verbringen? Fragen, die offen bleiben.

19.02.2019 
Quelle: Nordkurier 

Kontakt

Stadt Penzlin
Der Bürgermeister
Warener Chaussee 55a
17217 Penzlin

Telefon+49 3962 2551-0
Fax+49 3962 2551-71
u.ross@penzlin.de